Ein virales Video eines israelischen Siedlers, der eine „Haus-für-Haus“-Strategie beschreibt, lenkt neue Aufmerksamkeit auf Siedlungsexpansion, Vertreibung und die Realität palästinensischen Lebens unter Besatzung.
Ein kürzlich verbreitetes Video zeigt einen israelischen Siedler, der offen über eine Strategie spricht, die Palästinenser seit Jahrzehnten beschreiben. Ruhig und ohne Zögern erklärt er:
„Wir nehmen Haus für Haus. Wenn wir damit fertig sind, gehen wir ins nächste Viertel.“
Die Aussage lässt keinen Interpretationsspielraum. Es ist keine Rede von Sicherheit oder Streitfragen. Stattdessen wird ein Prozess beschrieben, schrittweise, gezielt und fortlaufend.
Für viele Palästinenser offenbart das Video keine neue Realität. Es bestätigt in klaren Worten, was das Leben unter Siedlungsexpansion seit mehr als siebzig Jahren bedeutet.
Die Realität vor Ort ist nicht nur von plötzlichen Vertreibungen geprägt, sondern vor allem von dauerhaftem, strukturellem Druck. Häuser werden durch rechtliche Maßnahmen, militärische Anordnungen oder direkte Übernahmen durch Siedler entzogen, häufig unter bewaffnetem Schutz. Wohnviertel werden zerschnitten, Straßen gesperrt, Genehmigungen verweigert.
Familien verlassen ihre Häuser nicht freiwillig, sondern weil ein Verbleib zunehmend unmöglich wird.
Dieser Prozess – Haus für Haus, Straße für Straße – hat weite Teile des Westjordanlands und Ostjerusalems verändert. Ganze Gemeinden wurden ausgehöhlt, während sich Siedlungen ausbreiteten und durch Infrastrukturen verbunden wurden, die Palästinensern nicht zugänglich sind.
Für Palästinenser unter Besatzung ist Gewalt kein Ausnahmezustand, sondern Alltag.
Gewalt durch Siedler, Sachbeschädigung, Einschüchterung und Vertreibungen sind umfassend dokumentiert. In vielen Fällen bleibt strafrechtliche Verfolgung aus. Der Kontrast zwischen bewaffnetem Schutz für Siedler und fehlendem Schutz für palästinensische Bewohner verdeutlicht ein strukturelles Machtungleichgewicht.
Das Video zeigt nicht nur Absicht, sondern Selbstverständlichkeit, das Vertrauen darauf, innerhalb eines Systems zu handeln, das Expansion erlaubt und absichert.
Diese Entwicklungen sind nicht neu. Seit 1948 erleben Palästinenser wiederholte Enteignungen, Vertreibungen und rechtliche Umgestaltungen, die systematisch eine Bevölkerung bevorzugen.
Die Begriffe haben sich im Laufe der Zeit verändert „Sicherheit“, „Verwaltung“, „Entwicklung“, doch das Ergebnis bleibt gleich: weniger Wohnraum, weniger Land und immer geringere Möglichkeiten für ein dauerhaftes palästinensisches Leben.
Kritiker sehen darin eine langfristige Entwicklung, die politische Lösungen zunehmend untergräbt.
Nach internationalem Recht gelten israelische Siedlungen in besetzten Gebieten für den Großteil der Weltgemeinschaft als illegal. Dennoch bleiben konkrete Konsequenzen selten.
Erklärungen werden abgegeben, Resolutionen verabschiedet, während sich die Situation vor Ort weiter verschlechtert.
Diese Diskrepanz zwischen rechtlicher Bewertung und tatsächlicher Durchsetzung verstärkt das Gefühl der Ohnmacht vieler Palästinenser.
Die Bedeutung der Aussage liegt nicht in ihrer Dramatik, sondern in ihrer Offenheit. Sie macht eine Logik sichtbar, die längst zur Normalität geworden ist.
Haus für Haus. Viertel für Viertel.
Für Palästinenser ist dies keine Rhetorik, sondern gelebte Realität, eine schleichende Verdrängung, die sich täglich vollzieht und seit über siebzig Jahren andauert.
Das Video wird aus den Nachrichten verschwinden. Die Realität, die es beschreibt, besteht fort.
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